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Language Learning

Lautschrift lesen lernen: IPA für Deutschsprachige

7 min readIPAtics Team

Im Wörterbuch steht hinter jedem Stichwort etwas in eckigen oder schrägen Klammern: /ˈʃmɛtɐlɪŋ/, /ˈwɔtɚ/, /t͡saɪ̯t/. Die meisten Leserinnen und Leser überspringen das. Dabei ist genau dort die Information versteckt, die man beim Sprechen braucht — und die die Rechtschreibung nicht liefert.

Diese Zeichen sind das Internationale Phonetische Alphabet, kurz IPA. Es ist kein Geheimcode, sondern ein Alphabet mit einer einzigen strengen Regel: ein Zeichen, ein Laut. Immer. In jeder Sprache.

Dieser Text setzt kein Vorwissen voraus.

Warum die Rechtschreibung nicht reicht

Deutsch ist im Vergleich zu vielen Sprachen erfreulich berechenbar. Wer Tisch liest, sagt /tɪʃ/, und die Buchstaben führen dabei zuverlässig. Trotzdem verschweigt die Schreibung auch im Deutschen einiges:

Bei anderen Sprachen wird die Lücke zwischen Schrift und Klang zum Abgrund. Englisch schreibt through /θɹuː/, though /ðoʊ/, thought /θɔːt/ und tough /tʌf/ mit derselben Buchstabenfolge -ough — und meint vier verschiedene Dinge. Kein Regelwerk der Welt löst das. Eine Lautschrift löst es sofort.

Wie man eine Transkription liest

Drei Konventionen, dann kann man loslegen.

Schrägstriche. Was zwischen / / steht, ist eine phonemische Transkription: die Laute, die für die Bedeutung zählen. Eckige Klammern [ ] stehen für eine engere, detailliertere Notation. Für das Sprachenlernen sind die Schrägstriche der Normalfall.

Betonungszeichen. Ein hochgestellter Strich ˈ steht vor der betonten Silbe, nicht darüber. In /ˈʃmɛtɐlɪŋ/ liegt die Betonung also auf Schmet-. Ein tiefgestellter Strich ˌ markiert eine Nebenbetonung. Für das Englische ist das keine Feinheit, sondern zentral: die Betonung entscheidet mit, welche Vokale zum Murmellaut werden.

Längenzeichen. Der Doppelpunkt ː verlängert den Laut davor. /ʃtaːt/ ist Staat, /ʃtat/ ist Stadt.

Alles Weitere sind einfach Buchstaben — viele davon vertraut. /b/, /d/, /f/, /k/, /l/, /m/, /n/, /p/, /t/, /v/ und /z/ bedeuten ungefähr das, was man erwartet. Aufpassen muss man bei den Zeichen, deren IPA-Wert von der deutschen Schreibung abweicht.

Die Zeichen, die Deutschsprachige überraschen

| Zeichen | Klingt wie in | Falle | |---|---|---| | /v/ | Wasser /ˈvasɐ/ | Das ist ein deutsches w, kein englisches. | | /w/ | engl. west /wɛst/ | Diesen Laut hat das Deutsche nicht. | | /z/ | Sonne, Rose | Ein stimmhaftes s. Das geschriebene deutsche z ist dagegen /t͡s/. | | /j/ | ja | Nicht das englische j, das ist /d͡ʒ/. | | /ʃ/ | Tisch /tɪʃ/ | Ein Zeichen statt drei Buchstaben. | | /ç/ | Licht /lɪçt/ | Der ich-Laut. | | /x/ | Nacht /naxt/ | Der ach-Laut. | | /ə/ | bitte | Der Murmelvokal, im Englischen allgegenwärtig. | | /ɐ/ | Vater /ˈfaːtɐ/ | Deutsches End-er ist ein Vokal, kein r. |

Drei davon lohnen die volle Aufmerksamkeit.

/v/ und /w/. Für deutsche Augen ist das die tückischste Stelle im ganzen System. Das deutsche w in Wein /vaɪ̯n/ ist IPA-/v/. Das IPA-Zeichen /w/ steht für einen Laut, den das Deutsche gar nicht kennt: den Anlaut von west /wɛst/, gebildet mit gerundeten Lippen ohne Zahnkontakt. Genau deshalb klingen west und vest /vɛst/ für viele Deutschsprachige identisch — und genau deshalb steht der Unterschied im nächsten Abschnitt dieses Blogs ausführlich.

/z/ und /t͡s/. Das geschriebene deutsche z ist eine Affrikate: /t͡s/. Das IPA-/z/ dagegen ist das stimmhafte s, das im Deutschen am Wortanfang vor Vokal steht. Zeit ist /t͡saɪ̯t/, nicht /zaɪ̯t/.

/ə/ und /ɐ/. Das unbetonte End-e in bitte ist /ə/, das End-er in Vater /ˈfaːtɐ/ ist /ɐ/ — ein Vokal, kein Konsonant. Wer das einmal gesehen hat, hört den Unterschied danach überall.

Die deutschen Vokale in IPA

Das Deutsche hat mehr Vokale als Vokalbuchstaben, und die Lautschrift macht die Ordnung sichtbar. Jedes Paar unterscheidet sich in Länge und Qualität:

| Kurz | Lang | |---|---| | Mitte /ˈmɪtə/ | Miete /ˈmiːtə/ | | Bett /bɛt/ | Beet /beːt/ | | offen /ˈɔfən/ | Ofen /ˈoːfən/ | | Bann /ban/ | Bahn /baːn/ | | Hölle /ˈhœlə/ | Höhle /ˈhøːlə/ |

Dazu die Umlaute, die im Englischen fehlen: über /ˈyːbɐ/, schön /ʃøːn/, fünf /fʏnf/, Käse /ˈkɛːzə/. Und die drei Diphthonge: Zeit /t͡saɪ̯t/, Auge /ˈaʊ̯ɡə/, Freude /ˈfʁɔʏ̯də/. Das Bögchen unter dem zweiten Zeichen sagt: Der Vokal ist der unsilbische Teil des Diphthongs.

Wer die eigene Sprache einmal in IPA gesehen hat, liest fremde Transkriptionen deutlich schneller. Der Deutsch-zu-IPA-Konverter zeigt zu jedem eingegebenen Wort die Lautschrift, inklusive einer Lauttabelle mit genau diesen Zeichen.

Was das fürs Englischlernen bringt

Der eigentliche Gewinn liegt bei der Fremdsprache. Drei Beispiele:

Der Murmelvokal. Englisch reduziert fast jeden unbetonten Vokal zu /ə/. comfortable ist /ˈkʌmfɚtəbəl/ — von den vier geschriebenen Vokalen bleibt genau einer voll erhalten. Wer die Schreibung nachspricht, klingt sofort fremd. Wer die Transkription liest, sieht die Reduktion.

Die th-Laute. Englisch hat zwei: stimmlos /θ/ in think /θɪŋk/ und stimmhaft /ð/ in this /ðɪs/. Die Schreibung ist für beide dieselbe. Die Lautschrift trennt sie sauber — und zeigt nebenbei, dass three /θɹiː/ und tree /tɹiː/ nicht dasselbe Wort sind.

Gespannte und ungespannte Vokale. ship /ʃɪp/ gegen sheep /ʃiːp/, bit /bɪt/ gegen beat /biːt/, full /fʊl/ gegen fool /fuːl/. Deutschsprachige hören diese Paare zunächst als lang gegen kurz, aber es steckt mehr dahinter: /ɪ/ ist auch offener und zentraler als /iː/. Im Schriftbild ist das nicht zu sehen. In /ɪ/ gegen /iː/ schon.

Der Englisch-zu-IPA-Konverter transkribiert nach amerikanischem oder britischem Standard — die beiden unterscheiden sich unter anderem beim r und bei mehreren Vokalen, und die Wahl gehört zu einer ehrlichen Transkription dazu.

Ein realistischer Lernweg

Man muss die IPA-Tabelle nicht auswendig lernen. Was funktioniert:

  1. Mit der eigenen Sprache anfangen. Zehn deutsche Wörter transkribiert ansehen. Die Zeichen ordnen sich dann von selbst den bekannten Lauten zu.
  2. Die Zielsprache dazunehmen. Für Englisch reichen anfangs etwa zwölf Zeichen, die im Deutschen fehlen: /θ/, /ð/, /w/, /ɹ/, /æ/, /ʌ/, /ɜː/ beziehungsweise /ɝ/, /ə/, /ɪ/ gegen /iː/, /ʊ/ gegen /uː/.
  3. Minimalpaare üben, nicht Einzelwörter. west gegen vest, wine /waɪn/ gegen vine /vaɪn/, think gegen sink. Ein Kontrast bleibt besser hängen als ein isolierter Laut.
  4. Beim Lesen nachschlagen, nicht in Sitzungen pauken. Die Lautschrift lernt man dort, wo einem ein Wort begegnet.

Genau für den letzten Punkt gibt es IPAtics: Text markieren, Tastenkürzel drücken, Lautschrift und Aussprache erscheinen direkt über dem Text — im Browser, im PDF, im Untertitel. Kein Wörterbuch-Tab, kein Kontextwechsel.

Häufige Fragen

Ist IPA nicht etwas für Sprachwissenschaftlerinnen? Erfunden wurde es 1888 von Sprachlehrern, für den Unterricht. Die wissenschaftliche Verwendung kam später.

Reicht nicht eine Lautschrift in deutschen Buchstaben, etwa „ssänk juh"? Nur, solange man ausschließlich deutsche Laute braucht. Sobald ein Laut im Deutschen fehlt — /θ/, /w/, /æ/ —, kann eine deutsche Umschrift ihn nicht darstellen. Sie kann nur den nächstähnlichen deutschen Laut anbieten, und genau der ist der Fehler, den man sich abgewöhnen will.

Wie lange dauert das? Die Zeichen für eine Sprache: ein bis zwei Stunden. Flüssiges Lesen: ein paar Wochen nebenher. Es ist eine der wenigen Lernaufgaben, deren Aufwand endlich ist.

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